Serie: Kopffüssler |
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Rupert Wenzels neue Bilder, die in ihrer fast hingespieenen Farbfrechheit über uns kommen wie Leuchtraketen, kristallisieren nun eine definierte Spezies aus: die Kopffüssler sind da, ob wir wollen oder nicht, sie sind gekommen, um uns anzugreifen, nein falsch!, um uns ordentlich anzugehen mit ihren Fuß-Tentakeln, um uns anzukopfen mit ihren monströs organisierten Schädeln. Diese Wesen sind benannte, die Kinder haben ihren Namen bekommen, aber statt wie das Rumpelstilzchen darob in den Schlund der Erde zu fahren, sind es gerufene Geister, die sich nicht mehr abschütteln lassen. Sie starren uns an als Spiegel einer grotesken Reduktion und sind trotz ihrer Art unseliger Puppenhausgröße beunruhigend genug, um über ihre ästhetische Nachlese hinaus noch die Frage nach der dunklen Erzählung zu lassen, der sie entspringen. Wenzel hat es nie mit der verkopften Kunst gehalten, sondern immer mit der impulsiven. Diesmal malt und erzählt er von Kopf und Fuß, von Sohle und Scheitel, aber nie von Kopf bis Fuß oder von Sohle bis Scheitel. Er spart jenen Teil aus, dem er angesichts der Beschleunigungsprozesse unserer sozialen Organisation völlige Überflüssigkeit verordnet. Die Kopffüssler sind Wesen ohne Mitte, ohne Rumpf, und das heißt, sie sind wie alles, was sich einer Gestaltungsevolution entrungen hat, funktional definiert. Ihre Absurdität liegt in der gewollten Abweichung vom Anthropomorphen, in der Aufweichung der Menschengestaltigkeit hin ins Galeertige, Quallige. Ein Reich von Sub-Wesen tut sich auf, die uns mit anarchischer Körperlichkeit frappieren. Wenzel versteckt in seinen Bildern immer eine Kritik, die sich angesichts der Typologie seiner Figuren als harmlos geriert, ohne es jedoch zu sein. Denn es ist durchaus ein fundamentales Unwohlsein des Künstlers, das ihn zu seiner Fabulierung bewegt. Dieses Unwohlsein liegt nicht zuletzt in der Kompetenz-Übertragung der Computing-Machine ins Feld der menschlichen Attribute. Das Human-Resourcing bevorzugt Speed, also Mobilität, Flexibilität und größt-, sowie schnellstmögliche Wahrnehmungskapazität. Wenzels Kopffüssler verweisen auf ihre – fast möchte man sagen: persönliche – jedenfalls verquere Art auf jenes Gefälle, demzufolge, wie sie der Philosoph Günther Anders so treffend bezeichnet hat, die “prometheische Scham” entspringt, die eben darin liegt, dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht mehr gewachsen sind. In seinem Hauptwerk “Die Antiquiertheit des Menschen” könnten die Kopffüssler Wenzels noch einen kleinen Zusatzepilog einnehmen. Ihre Häßlichkeit ist keine, denn sie sind schön im Sinne dieser Anforderung, nicht antiquiert zu sein, sondern überlebens-, also konkurrenzfähig. Die Reduktion auf Kopf- und Fußapparat ist ein bewußter Verhältnisbruch, eine Chiffre für ein Mißverständnis. Und nicht Wenzel ist der Mißverstehende, sondern jeder Beschwörer eines atemlosen Zeitgeistes. Denn das Eigenartigste der Kopffüssler ist: Um zeitfähig zu sein, sind sie Wesen ohne Zeit. Sie haben keine Zeit, weil ihnen der Mittelbau fehlt, der aber im organischen Verhältnis das Zentrum des ganzen rhythmischen Systems darstellt: Herzschlag, Atem, Blutkrieslauf, Stoffwechsel, Periode. Der Verlust dieser Mitte bedeutet in der psychologischen Ortung aber ein Ungeheures: den Verlust der Empfindung, ja, den Verlust der Seele. Deshalb besitzen sie eben ihre Ungeheuerlichkeit, diese Kopffüssler. Wahrnehmung und Bewegung heißt ihre Devise, sie sind Mind-Machines, eigentlicher noch Mind – Mobile. Eine der vielen Postkartenaktionen von Joseph Beuys trug den Titel: “Zur Not machen wir es auch ohne Herz”. Diese Not ist bei Wenzels Kopffüssler zum Fall geworden. Und aus dieser Notfallssituation einer mißverständigen Notwendigkeit heraus sind sie in der Lage, uns anzukopfen, indem sie durchaus existenzielle Metaphern darstellen, die uns – meinen Sie nicht? - doch ordentlich angehen sollten? © by Michael Kos www.michaelkos.net |
KOPFFÜSSLER „Kopffüßler gehören mit Muscheln und Schnecken zu den Mollusken (Weichtieren). Man unterteilt sie in zwei Unterklassen…“ - Nüchtern und ausführlich gibt das Internet Auskunft über diese wirbellosen Tiere, zu denen Kraken, Tintenfische, Krebse und Muscheln gehören. Tiere, nach denen der Bleiberger Maler Rupert Wenzel seine merkwürdigen, bizarren Gebilde benennt, die ihn schließlich so gefangen nahmen, dass sie in seiner Malerei einen ernst zu nehmenden Schwerpunkt darstellen. Wenzels „Kopffüßler“ haben große, jeweils im oberen Drittel des Bildes angeordnete Köpfe und sind wilde Gebilde mit üppigen Tentakeln. In mehreren Farbschichten konzipiert, verharren sie in ihrer lauernden Position und wirken mit ihren langen Fangarmen mächtig, einnehmend und dominant. – Der große Kopf symbolisiert, dass der Mensch nur noch auf den Kopf, den Verstand reduziert ist, während Gefühle auf der Strecke bleiben. Immer vollgefüllter mit Informationen werden unsere Köpfe, wichtiger denn je ist in unserem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem rationales Denken, Gewinnmaximierung, Konsum, Geld und Leistung während das Herz, die Gefühle auf der Strecke bleiben und schreien: „Wann kommen wir?“ Die zahlreichen Füße, mit denen Wenzel seine skurrilen Wesen ausstattet, sind ein Symbol für die Hast, mit der man heute durch die Welt eilt. Der Einzelne kann sich diesem Sog der schnelllebigen Zeit kaum entziehen – es gilt möglichst schnell von hier nach dort zu laufen, von dieser Tätigkeit zur nächsten, weg von sich selbst, weg von den eigenen Bedürfnissen, hinein in eine gnadenlose Scheinwelt. Wenzels „Kopffüßler“ fordern uns letztlich auf, unsere Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern sie freizulegen und als Wegweiser zu benutzen. Denn nur dadurch wird es uns gelingen, der eigenen Wahrheit auf die Spur zu kommen. © Helga Steiner |